Haus Nr. 7

In jeder psychiatrischen Klinik gibt es ein bei den Patienten berüchtigtes und gefürchtetes „Haus Nr. 7“ in Form einer geschlossenen Intensivstation ; dieses wird meist von ihnen assoziiert mit der Beobachtung oder dem eigenen Erleben von hilflosem Ausgeliefertsein , von Gewaltausübung durch „ die andere“ Seite , von einer im doppelten Sinne abgeschlossenen Örtlichkeit mit spezifischen Regelwerk und Machtverhältnissen. Mögen diese auch durch strenge Richtlinien,
regelmäßig durchgeführte interne und externe Überprüfungen überwacht und gesteuert werden : Die durch primäre psychische Alteration sowieso verunsicherten und geängstigten, in Wahrnehmung und Kognition beeinträchtigten Patienten erleben subjektiv das als therapeutischer Schutz- und Behandlungsraum für durch seelische Erkrankung höchst gequälte und außer sich geratene Menschen gedachte Sonderareal  häufig eher als kafkaesk-bedrohliche, gesetzlose, vielleicht sogar sadistisch geprägte Umgebung .

Die iranische Autorin Sepideh Shokri verarbeitet im vorliegenden Theaterstück gesellschaftliche Benachteiligung genauso wie individuell schmerzhafte Erfahrungen der Protagonisten, die sich in einer psychiatrischen Therapieeinrichtung befinden. Die Patienten berichten sich gegenseitig nach und nach die Gründe und Auslöser ihrer Störungen und Traumata :  Meist geht es um Gewalterfahrungen in den Herkunftsfamilien , um erlebten sexuellen Missbrauch oder auch das Eingebunden sein als machtloser Beobachter. Die so entstandenen psychischen Traumata prägen biografische Entwicklungen , aber sie induzieren auch seelische Behinderungen bezüglich des Selbstbildes ( oft negativ und von Schuldgefühlen durchsetzt), des Selbstwerterlebens, der Kommunikationsfähigkeit, von Denken, Wahrnehmung, Erleben des Erwachsenen. Berührend erscheint dabei die Solidarität der Patienten untereinander, ihre Verständnisbereitschaft, ihre fürsorgliche Zuneigung und Verantwortlichkeit füreinander. Sie halten zusammen gegen autoritäre Ärzte, empathiearme Therapeuten oder sadistische Pfleger in einem Umfeldgefüge,
das in seinen Strukturen und Handhabungen manchmal Gefahr laufen kann, den Merkmalen einer totalitären Institution nahezukommen, die dann individuell-privat erfahrenes Leid in seinen Mechanismen unbewusst fortführen würde und somit einer therapeutischen Grundhaltung (Befreiung von fremd- und eigenbestimmten Zwängen, Hinführung zu Eigenverantwortlichkeit und  Autonomie, „Freiheit“) geradezu widerspräche. Jedenfalls fühlen sich die Patienten voneinander wesentlich besser verstanden und unterstützt als durch das professionelle Personal. Sie geben sich wertvolle Informationen,  Ratschläge, interessieren sich für existentielle und emotionale Situation der anderen und suchen wie die Mitglieder einer guten Ersatzfamilie warmherzig Nähe und Hilfe anzubieten.
Dabei müssen sie aber zunächst aufgrund ihrer verletzenden Vorerfahrungen durchaus auch Misstrauen und negative Gefühle überwinden ; sie diskutieren auch kontrovers den richtigen Umgang mit den aktuellen Gegebenheiten , vor allem aber auch mögliche Bewältigungsstrategien hinsichtlich der Verwundung ihrer Persönlichkeit und den daraus entstandenen Hemmungen, ein relativ normales und zufriedenes Leben zu führen. Sie ermutigen sich gegenseitig zu positiver Aktivität mit Hoffnung auf wieder erstarkende Gefühle von Selbstwirksamkeit und Selbstwerterleben.

Es soll eigens darauf hingewiesen werden, dass in modernen psychiatrischen Einrichtungen viel Augenmerk auf eine humanitäre Grundhaltung (entsprechendes „Leitbild“) gelegt wird (ich arbeite selbst seit über 30 Jahren in diesem Berufsfeld). Es bleibt aber richtig und wichtig, dabei immer wieder eigene Haltung und Verhaltensweisen kritisch zu hinterfragen , insbesondere stets die Bemühungen zu intensivieren, im Sinne des wirklichen Wohls und Willens des Patienten, der immer mehr als „Klient“ definiert werden sollte, zu handeln!


Über die Autorin Sepideh Shokri

Die Autorin befindet sich z.Z. in ihrer Promotionsphase als Theaterwissenschaftlerin an der Laval-Universität in Kanada (Titel der Arbeit: „ Iranisches Theater als Mittel der Intervention in post-revolutionären Jahren“). Auf diesem Gebiet veröffentlicht sie auch kritische Artikel und übersetzte Theoriebücher und Theaterstücke (u.a. den französischen Philosophen Roland Barthes). Fr. Shokri hat künstlerische Erfahrung als Regisseurin und Autorin, ihre Arbeit ist dabei oft von ihren Forschungsinteressen inspiriert. Sie schließt sich in ihrer aufklärerischen engagiert-politischen Arbeit häufig insbesondere mit anderen iranischen darstellenden und schriftstellerisch tätigen Künstlern im internationalen Exil zusammen.

Norbert Hossner